Personennamen im Mittelalter

rüher, d. h. im Altertum und auch noch im Frühmittelalter, waren die meisten Personennamen zweiteilig, die zusammen aber keinen Sinn ergeben mussten. Z. B. bei Fredegund: Friede und Kampf ergibt keinen Sinn, Wille und Helm in Wilhelm auch nicht.
Schon früh sind aus solchen Vollnamen Kurzformen abgeleitet worden, in der Regel aus ihrem ersten Glied, z. B. heylwich zu heile. Mitunter wurde aus verschiedenen Vollnamen der gleiche Kurzname gebildet. Das Verständnis für die ursprüngliche Bedeutung ging allmählich verloren, so dass die Kirche auch nichts gegen die Verwendung der heidnischen Namen hatte.
Christliche Namen
Schon in althochdeutscher und altsächsischer Zeit, allerdings noch in geringem Maße, bürgerte sich der Brauch ein, biblische Namen, insbesondere aus dem Alten Testament, anzunehmen, die in ihrer Lautung dem Deutschen angepasst wurden. Erst im hohen Mittelalter steigerte sich die Annahme christlicher Namen unter dem Einfluss der Heiligenverehrung.
Ehrfurcht vor dem Namen „Maria” hat die frühe Verbreitung dieses Namens in Deutschland verhindert, er wurde erst im 16. Jahrhundert populär. In Nordfrankreich dagegen war um 1300 „Maroie” der häufigste Frauenname.
Einfluss des sozialer Schichten und der Mode
Die soziale Schicht übt Einfluss auf die Auswahl der Namen aus. Die Rufnamen Heinrich, Friedrich, Konrad, Ludwig, Otto, Adelheid, Margarete gehen auf Vorbilder deutscher Herrscherhäuser zurück.
Namen sind auch der Mode unterworfen. Die Aufnahme neuer Namen erfolgte in der führenden Schicht der Ratspersonen am schnellsten; die unteren Schichten, insbesondere Knechte, Mägde und sonstiges Dienstpersonal, verharrten länger im ursprünglichen Zustand.
Besonders das standesbewusste Bürgertum benutzte als erstes christliche Heiligennamen, die meisten alttestamentlichen wurden dagegen als jüdisch gemieden. Im Zeitalter der Romantik im 19. Jahrhundert wurden altdeutsche, außer Gebrauch gekommene Namen z. B. aus dem Nibelungenlied wiederbelebt.
Familiennamen
Doppelte Rufnamen sind bisher nicht nachgewiesen. Von Familiennamen kann man erst sprechen, wenn sich der Beiname vom Vater auf das Kind oder gar den Enkel vererbt. Die Verfestigung zu Familiennamen dauerte einen längeren Zeitraum und war zu Beginn des 14. Jahrhunderts bei uns im Wesentlichen abgeschlossen.
Zu Familiennamen sind geworden:
Rufnamen von Verwandten z. B. hildemarus filius volquardi, alheydis relicta (Witwe) volquini, claws hilleken sone. Später schreibt man nur noch den Rufnamen und zwar im Nominativ: valentinus petrus, iohannes wulf.
Es sind nur drei Beispiele bekannt, wo die Verwandschaftsbezeichnung mit dem Beinamen verschmolzen ist z. B. lodewighessone. Die Endung “-sen” entsteht erst viel später.

Kommt vorbei
Auf Veranstaltungen sprechen wir uns untereinander mit Namen des 15. Jahrhunderts an. Welche das sind, erfahrt Ihr, wenn ihr vorbeikommt und mit uns ins Gespräch kommt.
Herkunftsnamen
Herkunftsnamen mit der Bezeichnung des Herkunftslandes oder Herkunftsortes ursprünglich meist mit Voranstellung eines “van“, das aber immer mehr abgeworfen wird, bei der Oberschicht zuerst. Westfälische Namen bilden die größte Gruppe, am zweithäufigsten sind diejenigen aus Holstein und Dithmarschen. Die Anhängung eines “–man” an die Ortsbezeichnung hat ihren Schwerpunkt in Bremen, ist bei uns sehr selten: hermannus munsterman.
Für die Anhängung eines “-er“, wie es massenhaft in Süddeutschland geübt wird, sind in Norddeutschland nur sehr wenige Beispiele bekannt: hinricus colner (Kölner), iohannes bremer.
Wohn- und Arbeitsstättennamen mit einer Präposition, meist “van“, und dem bestimmten Artikel z. B. claus van der wisch, dideric vamme (van deme) hoghenhus, petrus van der beke, auch: hinricus bekeman. Oder ohne alles: tode boom (Schlagbaum bei einem Grenzposten), nicolaus coberch.
Berufsnamen mit der Endung “-er” und “-man“: hartmanus specsnider, iohannes hodman, oder anders: elizabeth boterhokersche, sifridus clensmed, hinricus vlandervar (Flandernfahrer), iohannes schiltknecht.
Übernamen: Die hat man sich wohl nicht selbst gegeben, die musste man ertragen aufgrund allgemeiner Eigenschaften, besonderer Merkmale, Schimpfworten oder auch Zufälligkeiten. Z. B. lange, cruse, iohannes swinoge, iordanus sobber (Säufer), willekinus hanenstert, gerardus unlust, hinricus dusentmark.
Imperativ- und Satznamen: Sie enthalten eine Aufforderung oder Aussage. Ulricus drinkeber (trink Bier), iohannes houschild (hau den Schild), rapesulver (raff Silber), arnoldus dordenbusch, blidelevent (froh lebend). Die oben genannten Beispiele bei den Familiennamen entstammen Almuth Reimpell (s. u.).
Häufige Lübecker Familiennamen
Die häufigsten Lübecker Familiennamen in Testamenten des 14. Jahrhunderts aus Birgit Noodt (s. u.) mit der Zahl der Nennungen:

26 Westfal
23 Langhe
23 van Osenbrugghe (Osnabrück)
23 Warendorp
20 van Stade
20 van Bremen
19 van Coesvelde
18 van der Heyde
18 Witte
17 Wittenborch
15 Schonenberch
13 van Molne (Mölln)
13 Rasceborch (Ratzeburg)
12 van Alen
12 Dartzowe
12 van Lubeke
12 Pape
12 Swarte (Schwarz)
11 Oldenborch
11 Godebus
Eine festgelegte Rechtschreibung gab es nicht, wohl aber Schreibgepflogenheiten. Namen wurden in erster Linie mündlich überliefert; wie sie geschrieben wurden, entschied der jeweilige Schreiber spontan, so dass es im selben Satz zwei verschiedene Schreibweisen desselben Namens geben konnte.
Es sei deutsch oder lateinisch, v am Wortanfang muss in den Beispielen als f gelesen werden, und y immer als i. Man war viel unbefangener als heute, wo ein Name auf Buchstaben und Bindestrich festgelegt ist. Sogar aussprachemäßig ist heute Albert und Albeer zweierlei.
Deutsche Namen wurden in lateinischen Texten meist latinisiert, Namen aus fremden Sprachen eingedeutscht. Z. B. schrieb man für Canterbury Cantelberch, Mont Saint Michel war der Michelsberg. Balduinus, Baudouin, Boldwin und Balduin war eins.
Lange Namen wurden in Kurz- und Koseformen verwandelt. Letzteres macht man heute inoffiziell auch noch. Es ist erstaunlich, dass sich die Koseformen so häufig in Urkunden und Büchern finden, um so mehr ist das für den mündlichen Gebrauch zu erwarten. Begegnet man in der Literatur Namen alter Zeiten, so sind sie oft in neuhochdeutsche Form gebracht, z. B. Heinrich statt Hinrik.
Literatur:
- Gerhard Bauer, Deutsche Namenkunde, 2. Auflage, Berlin, 1998
- E. F. Fehling, Lübeckische Ratslinie von den Anfängen der Stadt bis auf die Gegenwart, Lübeck, 1929
- Rafael Feismann, Das Memorienbuch des St. Michaelis-Konventes zu Lübeck, Lübeck, 1994
- Birgit Noodt, Religion und Familie in der Hansestadt Lübeck anhand der Bürgertestamente des 14. Jahrhunderts, Lübeck, 2000
- Almuth Reimpell, Die Lübecker Personennamen unter besonderer Berücksichtigung der Familiennamenbildung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Lübeck, 1929
- Jede Menge mittelniederdeutscher Familiennamen findet man in Hans Bahlow, Niederdeutsches Namenbuch, Walluf bei Wiesbaden, 1972.

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