Mitglieder im Gespräch

Unsere Sprachen: Mittelniederdeutsch und andere

„Ist das Mittelhochdeutsch?“ werde ich gelegentlich beim Schreiben gefragt. Die Antwort lautet dann: „Nein. Wir sind hier doch im niederen Teil der deutschen Lande; es ist Mittelniederdeutsch.“ Also lasst uns kurz über unsere Sprache reden.

Kleiner Exkurs zu Mittelhochdeutsch

Mittelhochdeutsch ist im 15. Jahrhundert bereits durch Frühneuhochdeutsch abgelöst worden. Dabei handelt es sich weniger um Sprachen als vielmehr um Sprachepochen. Denn statt einheitlicher Standardsprachen gibt es nur verschiedene Dialekte. Wenn im Mittelalter sprachliche und politische Grenzen zusammenfallen, ist das reiner Zufall.

Im Ostseeraum spricht man Niederdeutsch

Nahaufnahme: Ein Schreiber erstellt ein Testament in mittelalterlicher Schrift
So sieht es aus, wenn ich Mittelniederdeutsch schreibe.

Unsere Sprache nennen wir sassisch oder sassisch düdisch. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von der Schlei bis Hannoversch Münden, nördlich davon spricht der Adel niederdeutsch – und von der Südersee (heute Ijsselmeer) bis nach Livland (heute Estland und Lettland). Dort sprechen aber nur die Städte und der Adel niederdeutsch, der Landesherr — der Deutsche Orden — spricht hochdeutsch und die Landbevölkerung hat verschiedene eigene Sprachen.

Im Ostseegebiet ist Niederdeutsch auf Lübecker Grundlage gewissermaßen die lingua franca, so dass man als Hansekaufmann kaum Sprachkenntnisse benötigt, außer beim Russlandhandel.

Das r wird überall mit der Zungenspitze geformt und zwar jedes r, wie es heute noch die Schweizer tun.

Weitere Sprachen

Mittelniederländisch

Dem Mittelniederdeutschen ähnlich ist das Mittelniederländische, das seine Sprecher meist dietsch oder dütsch nennen.

Slawische Sprachen

Auch slawische Sprachen gibt es in den deutschen Landen. Und zwar im Wendland, in der Lausitz, Oberschlesien, Böhmen und Mähren, Südkärnten, Südsteiermark und Krain. Alle slawischen Sprachen sind sich ziemlich ähnlich.

Mitglieder des Hansevolks sprechen aus einem geöffneten Fenster des Lübecker Rathauses zu den Menschen auf dem Marktplatz.
Bei unserem Jubiläum haben wir eine Ansprache aus dem Rathausfenster gehalten. Größtenteils auf Hochdeutsch.

Französich

Französisch besteht auch aus verschiedenen Dialekten, die sich in zwei Hauptgruppen gliedern: die Langue d’oc im Süden und im Norden die Langue d’oïl, deren Verbreitung noch über die Loire hinausreicht. Diesen Namen spricht man übrigens ,,Loère”, das oi spricht man wie oè oder wä wie noch heute in der Picardie, das Endungs-e wird immer mitgesprochen, das r ist ein Zungenspitzen-r. Das Zäpfchen-r ist erst bei den Hofschranzen von Ludwig xiiii. entstanden.

Englisch

Englisch ist auch überall anders, aber es lassen sich kaum scharfe Dialektgrenzen ausmachen. Im 15. Jahrhundert wird Englisch noch so ausgesprochen, wie es geschrieben wird – oder umgekehrt. Während die Vokale noch ihre ursprüngliche Bedeutung haben — man muss sie also wie deutsch lesen — sind die Konsonanten schon weitgehend wie heute.

Jedoch ist das r ein Zungenspitzen-r, und zwar jedes wie noch heute im schottischen Englisch. Das gh ist wie ein deutscher ich- oder ach-Laut, und das k vor n im Anlaut wird mitgesprochen z. B. knight, also knicht. Und Schakespäre.

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts hat Englisch das Normanno-Französisch als Herrschafts- und Kultursprache abgelöst, über das die Franzosen mittlerweile gelacht haben, weil es für sie schon recht altertümlich war. Es hat das Englisch nachhaltig beeinflusst.

Skandinavische Sprachen

Die Skandinavier, Dänen, Norweger, Schweden, können sich miteinander mehr oder weniger gut in ihren Sprachen unterhalten. Der Hansehandel hat in ihren Sprachen viele niederdeutsche Wörter hinterlassen.

Italienisch oder Latein?

Es gab im Mittelalter Italiener, ob weiblich oder männlich, die wirklich meinten, ihre Sprache sei noch lateinisch; und überhaupt sei ja Latein eine italienische Sprache.

Mitte des 14. Jahrhundert wird Latein als Urkundensprache von den jeweiligen Volkssprachen abgelöst. Es hat aber als Wissenschaftssprache noch eine erhebliche Bedeutung, auch im internationalen Schriftverkehr und vor allen Dingen in der Kirche. Verbreitungsgebiet ist das Abendland, also soweit man katholisch ist. Östlich davon verwendet man eher Kirchenslawisch.

Latein wurde mündlich und schriftlich ununterbrochen weitergegeben, aber nur von Nicht-Muttersprachlern, von denen es viele fließend beherrschten. So hat es sich doch im Laufe der Zeit durch Einflüsse der verschiedenen Volkssprachen verändert, so dass die Humanisten es spöttisch ,,Küchenlaten” nannten. Beispielsweise hat man neue Begriffe geschaffen. Statt mihi (mir) schreibt man michi, sprich miki. Schon frühzeitig schreibt man e statt ae.

Die verschiedenen Volkssprachen haben auch die Aussprache verändert. Im deutschen Gebiet spricht man das h mit, das in der Antike stumm war, und v im Anlaut klingt wie f, wie auch sonst im Deutschen. Die lateinische Aussprache des c vor den hellen Vokalen e, i und oe, ö hat sich immer weiter nach vorne verschoben.

Die Veränderung am Beispiel ,,Caesar”:

  • ka-esar (vgl. mit deutsch: Kaiser)
  • kesar
  • kjesar
  • tschesar (dabei sind die Italiener bis heute geblieben)
  • zesar (im Deutschen, Polnischen und anderen slawischen Sprachen, vgl. Zar).
  • sesar mit scharfem s (französisch, katalanisch, portugisisch, niederländisch, skandinavisch, englisch)
  • thesar (gesprochen wie das englische th, spanisch)

Immer wieder haben Humanisten, die das klassische Latein kannten, Reformierungen vorgenommen, so auch im 20. Jahrhundert für den Schulunterricht. Neuerdings hat sich die italienische Aussprache immer mehr verbreitet, auch in Deutschland.

Mitglieder des Hansevolks stellen mittelalterliche Kaufleute dar

Sprecht uns an

Keine Sorge: Wir sprechen mit euch ganz normales und verständliches Hochdeutsch, wenn ihr uns auf Veranstaltungen ansprecht. Kommt vorbei und stellt uns eure Fragen.

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