Webauftritt des Vereines: Hansevolk Lübeck e.V.

Leitfaden zur Gewandung

Ein paar Worte vorweg

Was trugen die Menschen im Mittelalter?

Zunächst sei daran erinnert, dass das „Mittelalter“ einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren umfasst – von der Völkerwanderung bis ins 16. Jahrhundert. DIE Mode des Mittelalters gibt es also nicht.

Das Hansevolk „lebt“ im Spätmittelalter, genauer: in der Hansestadt Lübeck zwischen 1450 und 1500. Wie die Menschen zu dieser Zeit ausgesehen haben, wissen wir vor allem von alten Bildern, aus Texten und von einigen archäologischen Funden. Wir gehen vertrauensvoll davon aus, dass die Lübecker, deren Kaufleute ja weit herum kamen, sich nicht wesentlich anders gekleidet haben als die Städter in anderen Regionen Europas.

Das  bedeutet:

- Man war – zumindest in der Öffentlichkeit - stets vollständig bekleidet. „Vollständig“ heißt: Unterwäsche, darüber Hose, Wams und Rock für die Männer bzw. Unter- und Obergewand für die Frauen.  Dazu kommen Schuhe und  eine Kopfbedeckung.

- Frauen trugen die Haare lang. Einer Frau die Haare abzuschneiden, war eine schändliche Strafe. Verheiratete Frauen hatten ihr Haar in der Öffentlichkeit  immer vollständig zu verdecken. Nur junge Mädchen durften Zopffrisuren oder offenes Haar zur Schau stellen. Männer  trugen ihr Haar schlicht und kurz bis mittellang. Lange Locken waren eigentlich ein Vorrecht des Adels, kamen aber zunehmend auch bei nichtadeligen jungen Männern in Mode. Bärte waren – im Gegensatz zu vielen Epochen davor und danach – nicht üblich.

- Oberbekleidung war aus zumeist einfarbigem Wollstoff. Leinen war das Material für Wäsche und zum Füttern der Oberbekleidung. Weil naturgefärbtes Leinen leicht ausbleicht, blieb es meistens naturweiß.

- Den Stil, der unsere Kleidung prägt, nennt man Spätgotik. Das bedeutet eine eher schmale Silhouette: Schmales, gerade geschnittenes Hemd, spitze Schuhe, für die Männer hautenge Hosen.  Das Obergewand durfte stoffreich sein, wurde aber um die Taille von einem Gürtel zusammengehalten.

Wer beim Hansevolk mitmachen möchte, vergisst also bitte die weiten Leinenhosen, die Fellbehänge, die Lederweste über nackter Brust und die urigen Bärte. Die Frauen vergessen bitte die ärmellosen, zweifarbigen Leinenfummel, die wild wallenden Locken, den lustigen Pony und das fesche lederne Mieder.

Wie es stattdessen aussehen soll, zeigen die beiden Leitfäden, einer für Frauen und einer für Männer. Natürlich steht es jedem /jeder frei, die gezeichneten Schnitte zu variieren, vor allem, wenn man auf eine überzeugende Quelle verweisen kann.

Leider ist es schwer, einigermaßen authentische Gewandung des Spätmittelalters fertig zu kaufen. Wer ein bisschen nähen kann oder eine aufgeschlossene Schneiderin kennt, hat hier die Nase vorn. Natürlich helfen wir uns auch gewgenseitig.

Ein besonders Problem haben Brillenträger. Im 15. Jahrhundert hatten nur wenige Menschen Augengläser, allenfalls als Lesehilfe. Eine moderne Brille stört das Erscheinungsbild erheblich. Wer kann, sollte sich mit Kontaktlinsen behelfen. Wenn die Brille unumgänglich ist, sollte der Rahmen möglichst unauffällig sein. Getönte Gläser sind absolut tabu!

Und nun viel Spaß beim Lesen und beim Schneidern!

Angelika Schildmeier, im August 2012